Busfahren oder The Survival of the Fittest

Jetzt, nachdem wir unsere 13 Schuljahre fast hinter uns gebracht haben, ist - wie ich finde - der passende Augenblick gekommen, um über das tagtägliche Martyrium zu berichten, das all diejenigen über sich ergehen lassen müssen, die die Schule nicht durch einen 5minütigen Fußmarsch zu erreichen vermögen, sondern wie z.B. ich in einer Entfernung von ca. 6,5 km zu dieser wohnen. Falls jetzt das Argument kommt, daß sicher noch andere Schulen in der Gegend zu finden sind, kann ich nur sagen, daß das nächste Dinslakener Gymnasium ebenfalls 6,5 km entfernt liegt.
Aber zurück zum Thema. Während andere sich erst um 7 Uhr morgens aus dem Bett schwingen und vielleicht um 7.30 Uhr das Haus verlassen, kommt mein Bus schon um 7.10 Uhr. Nicht zu vergessen der 6minütige Weg zur Bushaltestelle, der natürlich auch zurückgelegt werden will. Hat man sich dann mit seinen Leidensgenossen an der Haltestelle versammelt, beginnt das Warten. Fragen, wie "Kommt der E-Wagen heute oder hat er unsere Ecke wieder vergessen?" sind an der Tagesordnung. Es lebe die StOAG! Trotzdem ist die Hinfahrt noch recht erträglich. Zum einen steigen wir als erste ein und bekommen deshalb auch die besten Plätze (im Winter an der Heizung, im Sommer am Fenster), und zum anderen ist man meist noch so müde, daß die Fahrt im Halbschlaf verbracht wird. Da dies fast alle praktizieren, ist es morgens noch relativ ruhig im Bus. Wenn allerdings wie letztes Jahr durch Glatteis der gesamte Verkehr lahmgelegt wird, hat man schonmal einen 2stündigen Fußmarsch vor der Brust. Zum Glück ist das noch nicht öfters passiert.
Hart auf hart kommt es aber vor allem nach der 6. Stunde. Es beginnt schon mit einem Spurt gegen die Zeit, da die Schule ja um 13.05 Uhr endet und mein Bus um 13.06 Uhr abfährt. Zumeist verliert man auch, aber wenigstens bleibt man fit. Der wahre Kampf beginnt genau denn, wenn sich die Bustüren öffnen. Massen von Schülern - das Sophie hat ja auch aus - versuchen, sich in den Bus zu quetschen. Der Einsatz von Ellenbogen ist einfach lebensnotwendig, sonst gehört man zu den bedauernswerten Geschöpfen, die vom Busfahrer wieder hinausgeworfen werden, da sonst die Türen nicht schließen können. Setzt sich der Bus endlich in Bewegung und man selbst hat wenigstens einen Stehplatz ergattert - auch wenn man sich in der Enge nicht mal bewegen kann - kann man sich glücklich schätzen. Ein Narr wer von einem Sitzplatz träumt!!! Nun allerdings wird man Opfer der energiegeladenen 5- und 6-Klässler, die anscheinend auch durch 6 Stunden Schule nicht kleinzukriegen sind, während man selbst am Rande der Erschöpfung dahinvegetiert. Andauernd bekommt man Rempler von "4-You"-Rucksäcken, die nicht abgenommen werden, da "Mutti sagt, daß ich ihn sonst verliere". Was will man da machen? Manche Mitglieder unserer Stufe verzichten allerdings auf "Bitte, würdest du den Rucksack abnehmen?" und drohen mit Totschlag. Das wirkt! Außerdem wird man in einer Tour Zeuge hochintellektueller Gespräche wie "Die Julia will mit dem Kevin ins Bett!" oder "Gib mir mein Mäppchen zurück, sonst sag´ ich das meinem Vater!", um nur einige typische Beispiele zu nennen. Wenn dann auch noch jemand beginnt, Sirene zu spielen und der Kleine neben dir jammert: "Ich glaub´, mir ist schlecht!", dann greift wohl auch bei den kaltblütigsten das FFS (Flight-or-Fight-Syndrom).
Besonders reizvoll wird Busfahren, wenn der Bus so voll ist, daß er sich in den Kurven auf die Seite legt oder daß die Hälfte der Insassen herausfallen, sobald sich die Türen öffnen.
Auch das Wetter nimmt Einfluß auf die Qualität das Fahrens. Im Sommer befindet man sich oft - vor allem bei einer Größe von 1,60 m - mit der Nase in der Höhe der benachbarten Achselhöhlen und weiß also sofort, ob Sport auf dem Stundenplan stand! Sobald Regenwetter einsetzt, beginnen Busse fürchterlich zu stinken, und obwohl man sich in einem geschlossenen Raum befindet, wird man aufgrund von Regenschirmen etc. genauso naß als befände man sich noch draußen.
Besonders angenehm ist, daß ausgerechnet die E-Wagen die Lieblingsbeförderungsmittel von Rentnern zu sein scheinen, die dann auch noch auf das unmögliche Benehmen der Jugend von heute schimpfen.
Einige Vorteile hat das Busfahren aber doch: es stählt die Nerven und stärkt das Durchsetzungsvermögen!

(mr)


Trennlinie

Zurueck

© by ABI'97-Online