Eine Doppelstunde Mathe LK bei Frau Brüne
Leistungskurse sind generell wichtig und wenn der 1. Leistungskurs auch noch so ein Prestigefach wie Mathematik ist,
dann erinnert man sich an vieles, von dem man glaubt, es sei ungemein wichtig. Es fällt einem wieder ein, daß
wir mit zweiundzwanzig Schülerinnen und Schülern die sich alle für auserwählt gehalten haben, diesen
Kurs zu belegen, gestartet sind und nur siebzehn bis zum Ende dabei waren. Man erinnert sich daran, daß in den
Klausuren immer ganz fiese Aufgaben auftauchten und Annika am Ende doch immer 15 Punkte hatte, die dort zuviel erreichten
Punkte wurden aber grundsätzlich in der Somi-Note wieder abgezogen, daß das Endergebnis doch nicht ungewöhnlich
gut war. Dies sind alles wichtige Ergebnisse aus zweieinhalb Jahren ML 1, der übrigens nie wegen fehlender Lehrperson
ausgefallen ist, aber im Endeffekt wird man sich doch nur an die unendlich vielen Stunden erinnern, die in diesem Schema
abgelaufen sind.
Der Stundenbeginn:
5 Minuten mach dem Schellen kommt Frau Brüne - ausgerechnet aus der Richtung, aus der man sie nicht erwartet.
Sie ist grundsätzlich beladen mit mindestens vier Taschen und trägt dazu noch einen Regenschirm in der Hand.
Nun sind vor der ersten Stunde für gewöhnlich die Räume abgeschlossen und so ist es nichts Ungewöhnliches,
wenn sie zunächst einmal zwei ihrer Taschen absetzen muß, aus einer Dritten umständlichst den Schlüssel
herauskramt und diesen im Schloß einmal nach rechts dreht. Dann zieht sie ihn für gewöhnlich wieder heraus, nimmt
die Taschen wieder auf ihre Schulter und öffnet die Tür, sofern nicht die Tür doppelt verschlossen war. In diesem Falle
setzt sie wieder ihre Taschen ab, schließt nun endgültig auf und betritt, jetzt wieder als Souverän, den Raum.
Sie hängt den Regenschirm ins Waschbecken und schon kann es losgehen.
Die 1. Stunde:
Mit der obligatorischen Begrüßungsformel "Guten Morgen, so, was hatte ich aufgegeben?"eröffnet sie die
Stunde und hat gleich eine geschickte Überleitung zu dem geschaffen, was nun folgen wird. Zunächst notiert sie die Namen
derjenigen, die eine gute Begründung haben, die Aufgaben nicht zu machen, egal wie gut sie ist, sie ist nicht gut genug.
Die erste Teilaufgabe ist schnell verglichen, dann jedoch kommt die erste Unplanmäßigkeit. Irgendein Schüler bittet
darum, daß die Aufgabe angeschrieben werde, es hilft nichts, das zeitliche Konzept für die Stunde ist über den Haufen
geworfen, jetzt muß ein Schüler zur Tafel schreiten und die Aufgabe vorrechnen. Auch wenn Frau Brüne bemüht ist,
diesen Teil möglichst knapp zu halten, indem sie immer betont, es sei doch gar nicht nötig, braucht es doch seine Zeit. Diese
Zeit wird von den letzten Schülern auch bitter benötigt, noch zur Schule zu kommen, um fünf nach acht sind alle da.
Nur in ganz seltenen Fällen gelang es Frau Brüne, gelang es dem Kurs, noch in der ersten Stunde mit neuem Stoff oder weiteren
Aufgaben anzufangen.
Die 2. Stunde:
Wiederum Fünf Minuten zu spät beginnt die zweite Stunde, die Hausaufgaben für Mathematik sind verstanden und die für
die nachfolgenden Fächer zumindest im Heft. In diese Situation hinein kommt unsere Lehrerin und will nun endlich im Stoff fortfahren,
allein, sie kann keine Kreide mehr finden, auch im Pult und im Schrank liegt keine, kurzerhand wird der, der der Tür am nächsten
sitzt, zu Frau Maaß geschickt, die wird sich auch sicherlich wundern, was Frau Brüne mit der Kreide macht. Nun wollen wir dieses
Geheimnis mal lüften, sie schreibt und schreibt und schreibt und zwischendrin wischt sie etwas weg und schreibt und schreibt. Und die
Schülerschaft schreibt und schreibt und schreibt und hat Mühe mitzukommen, denn kaum ist Frau Brüne fertig, geht sie zum Wasserhahn,
nimmt den Schwamm, tränkt ihn bis er kein weiteres Wasser mehr aufnehmen kann und kommt bedrohlich der Tafel nahe, als ein Schüler aufschreit,
er sei noch nicht so weit und damit dafür sorgt, daß der Text zwei weitere Minuten an der Tafel bleiben darf. Als endlich alle eine Abschrift
im Heft haben, beginnt das Putzen. Dafür hätte Frau Brüne wirklich einen Orden verdient, denn niemand (außer Steffi) putzt
die Tafel mit solcher Hingabe und Genauigkeit. Den Schülern ist die so entstandene Pause natürlich sehr lieb und keiner hat es in der
ganzen Zeit gewagt, auch nur eine kleinste Andeutung über die verrinnende Zeit zu machen. Putzt Frau Brüne die Tafel, so mag man glauben,
daß es so etwas wie Entspannung im Mathematikunterricht gibt, man darf zwar nicht essen, denn sie hat ein gutes Gehör und Schmatzen macht
sie wütend, aber ansonsten erinnern diese Unterbrechungen stark an Pausen. Doch irgendwann ist die Tafel sauber und wir können fortfahren mit
dem Unterrichtsstoff. Wieder entsteht ein literarisches Werk an der grünen Wand, wieder schreiben alle Schüler, doch nun mit besonderem Eifer,
denn das Ende der Stunde naht.
Der Stundenschluß:
Inmitten der schönsten Beweise, am Höhepunkt der Aufgaben, ausgerechnet dann läutet die Glocke zum Ende der Stunde. Erschrocken, beinahe
entsetzt schaut Frau Brüne auf die Uhr, bringt gebetsmühlenartig ihren Spruch ein ("Schon so spät, nach meiner Uhr haben wir noch
eine Minute."), und schreibt weiter. Das Murren der Schüler wird immer lauter, da hilft nichts, auch das letzte Argument, "Wir haben ja
auch später angefangen.", hilft nichts, schweren Herzens bricht sie ab und setzt sich zunächst einmal hin. Dann blättert sie in ihrem Buch,
findet die ein oder andere Aufgabe, die wir alle zusammen in der nächsten Stunde durchrechnen können, leitet den Schülern die Aufgaben weiter,
wobei sie zunächst die Seitenzahl verschweigt, dann endlich packt sie ihre Tasche. Ich habe mich oft gefragt, was am Ende der Stunde in ihrem Kopf vorgeht
und ich habe nie eine zufriedenstellende Antwort gefunden. Sie scheint in einen kurzen Schlaf zu versinken, denn wenn sie ihre Frage stellt, die zu einem Ritual
geworden ist ("Wer ist dran mit Tafelputzen, wer war gestern?"), dann ist der eine Teil des Kursen schon längst draußen und der andere
Teil muß nicht wischen, weil er schon gestern dran war. Am Ende erwischt es doch immer den, der nicht schnell genug seine Sachen zusammenpacken konnte.
Ich konnte schnell die Jacke anziehen und die Tasche schließen, daher habe ich nur ganz selten die Tafel putzen müssen.
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