Wien wir kommen !


Nach Wien! In die Stadt des Walzers, des Weines, mit dem Wiener Prater und den Wiener Sängerknaben! Die moderne Hauptstadt Österreichs, in traditionsreicher Kultur verankert! Die Stadt der Opern, Schlösser, Heurigen, handküssenden Fiaker und der hundert Wasser!
Wenn man den so tönenden Reiseführern glauben schenken darf, so ist dies ganz klar das Traumziel des Deutsch-LKs unter der Leitung von Frau Appenzeller, mit Herrn Felberbauer in Begleitung.
In euphorischer Vorfreude stürzen sich alle in die Vorbereitung dieser einmaligen Fahrt. Nach einigen Recherchen, was unseren Interessen wohl am meisten zusprechen würde, ist dann auch unser jeweiliger Tagesablauf für die freudig erwartete Woche entworfen - Kultur pur! Die Zeit bis zur Abfahrt im Juni wurde zur Vorbereitung auf die österreichische Kultur genutzt - in Form von etlichen Referaten, die nach dem Austeilen mit Sicherheit aufs gründlichste studiert wurden ... Kurz vor der Abfahrt jedoch der erste Schreck - Frau Appenzeller, die gerade auf Wien soviel Wert gelegt hatte, kann nicht mit, was uns natürlich sehr leid tat. Aber da wir flexibel sind, sprang kurzerhand unsere Referendarin Frau Last-Wyka ein.
Und los ging´s! In einem flotten Bus mit einem noch flotteren Busfahrer, den wir - ganz Kumpel - mit "Christian" anreden sollten, geht es zwölf Stunden lang über die Autobahnen. Nach endloser Fahrt befanden wir uns jedoch in Wiens Vororten, auf der Such nach dem "Kolping-Gästehaus". Leider mußten sich eventuelle Vorstellungen eines eleganten, in Wiener Tradition erbauten Gästehauses sich in Luft auflösen - ein staubiger, grauer, recht verkehrsreicher Vorort reichte uns jedoch auch. Also raus mit den Koffern und den Eingang gesucht, worauf wir beim Umrunden des Geländes auf eine vielsagende Inschrift an einer Hauswand stießen: "Vergewaltiger, wir kriegen euch!" Woraufhin sich unser zu ca. 80% aus Mädchen bestehender Kurs gleich um etliches sicherer gefühlt hat.

1. Tag
Morgens wurden wir nach einer eher unbequemen Nacht schon relativ früh (7.30 Uhr!) aus den Federn gescheucht. Die überaus seltsamen Feldbettgestelle waren in die Mittelgänge der normalerweise für zwei Betten gedachten Zimmer gezwängt worden und machten ein Durchqueren des Zimmers praktisch unmöglich. Die Glücklichen, die das Feldbett bekommen hatten, sind aus Angst, entweder mit dem Gestell vornüber zu kippen oder in der Mitte einzubrechen, vermutlich die ganze Nacht stocksteif liegengeblieben.
Unser erster Programmpunkt hieß also Stadtrundfahrt, und das bedeutete, uns im Schweinsgalopp innerhalb von 2-3 Stunden durch sämtliche Außenbezirke chauffieren zu lassen. So erreichten wir also den Zentralfriedhof. Uns war kaum Zeit gelassen, uns schon mal zu unserem eigenen Grabstein inspirieren zu lassen (Anmerkung: die Gräber sind geschmückt wie Altäre, die Grabsteine sehen aus wie aus einer Kunstausstellung), da ging es schon weiter zu Schloß Belvedere. Die Kameras surrten eifrig, die Gesichter bemühten sich um das strahlendste Lächeln - doch wie heißt es so schön: Zeit ist Geld!, also ging es weiter: Ringstraße, Karlskirche, Donau, Autos, Autos, Autos ... und endlich das legendäre Hundertwasserhaus. Eifrig wurde wieder geknipst, Mitbringsel, Postkarten und etliches andere noch gekauft.
Weiter ging´s, und Christian wälzte seinen Bus überaus gekonnt durch den Wiener Verkehr, um uns am Prater zu lassen. Nach einer Pause dort gingen wir zur Erforschung der Innenstadt über, und zwar unter fachkundiger Leitung einer Wiener Touristenführerin. Doch nicht zu früh gefreut: ein Marathon läßt sich auch in einer Stadt durchführen, wie wir am Ende des Tages an unseren schmerzenden Füßen bemerkten. Trotzdem sahen wir viele interessante Dinge: den Stephansdom, die Kapuzinergruft, die Restsäule, die Einkaufsstraßen, die zahllosen Geschäfte, die zahllosen Menschen (sprich Touristen) ... Nach diesem klassischen Kulturtag waren die meisten neugierig auf moderne Kultur, mit anderen Worten: Szene in Wien war gefragt! So verstreuten wir uns bis spät in die Nacht in Kneipen, Discos und was sonst noch interessant aussah - Stichwort Bermudadreieck.

2. Tag
Diesen Morgen ging´s zu Fuß los in die Innenstadt - eine Gruppe in Richtung Stephansdom, eine andere in Richtung Hofburg. Da die Schreiberin dieses Artikels den Stephansdom bevorzugt hat, wird hier nur ein Bericht über diese Besichtigung erfolgen.
Zunächst tappten wir tapfer die endlosen (!) Stufen zum Turm des Doms hinauf, um die Aussicht über Wien auf das 145. Foto zu bannen. Übrigens: Unsportlichen, Nicht-Schwindelfreien oder unter Platzangst Leidenden ist der Aufstieg zum Dom wahrhaftig nicht zu empfehlen. Wie auch immer - nach dem Turm waren die Katakomben an der Reihe. Durch düstere, muffige Gänge kamen wir an Massengräbern der Opfer der Pestepidemie vorbei, dichtgedrängt, da keiner großes Interesse daran hatte, sich in den Katakomben zu verirren und allein dort zurückzubleiben. Jedenfalls waren sicher alle froh, sich wieder am Tageslicht zu befinden, und alle nützten die Gelegenheit, die Innenstadt auf eigene Faust zu durchforsten und um Caf‚s, Geschäfte und das U-Bahn-Netz zu bevölkern. Aber das Pflichtprogramm ging natürlich weiter: als nächstes wurde die Wiener Staatsoper besichtigt. Hier bekamen wir sozusagen das zweite Leben der Oper zu sehen: im Gegensatz zu den eleganten Damen und Herren, die abends in teurer Garderobe irgendwelchen wundervollen Klängen lauschen, saßen wir ungeachtet der Kleiderordung, in Jeans und verschwitzten T-Shirts auf den samtbezogenen Sesseln und lauschten einem Vortrag über die Oper, während vor, neben und hinter uns noch etliche andere Touristengruppen dasselbe taten. Anschließend konnten wir, nachdem wir gegen die Touristenmassen kämpfend, durch Säle und Flure hinter das Bühnenbild gelangen.
Ein besonderes Ereignis glänzte an diesem Tag zwischen den ohnehin schon zahlreichen Ereignissen dieser Fahrt; der gleichzeitige Geburtstag von Julia Gerigk und Thorsten Lange, die jeweils die Vollendung ihres 19. bzw. 18. Lebensjahres feiern durften. Unser kameradschaftlicher Kurs schmiß also schnell genügend Schillinge in einen Topf, um den beiden die sonst unerschwingliche Fiaker-Fahrt durch Wien zu schenken! Und das schönste war: da in die Kutsche vier Personen passen, durften zwei Auserwählte noch mit auf die Rundfahrt!
Nicht vergessen zu erwähnen sollte man das Fußballspiel Deutschland - England, das an demselben Abend stattfand. In einem kleinen Kabuff drängte sich so ziemlich der ganze Kurs mit ein paar Anwohnern des Kolping-Gästehauses zusammen, um unter fiebernder Spannung, geschmückt von professionellen Kommentaren, das Spiel zu verfolgen. Als der Endpfiff Deutschlands Sieg festlegte, brach euphorischer Jubel los. Jetzt stand fest: schiefgehen konnte auf dieser Kursfahrt ganz bestimmt nicht mehr.

3. Tag
Heute stand ein besonderer Punkt auf dem Programm: eine Fahrt in die naheliegende Hauptstadt der Slowakei, Bratislava. Pünktlich um halb 10 saßen wir gespannt in unserem Bus, der unter der Hand unseres bravourösen Christians in Richtung Osten rollte. In der Slowakei angekommen, sahen wir uns das Schloß von Bratislava an, glücklicherweise in Begleitung einer slowakischen, aber sehr gut deutschsprechenden Reiseführerin. Gekonnt führte sie uns durch das Schloß, zeigte uns die Aussicht über die Stadt und erzählte beim Besichtigen der Altstadt interessante Geschichten. Sie empfahl uns noch, auf unser Geld aufzupassen, und als wir uns selbst überlassen wurden, strömten viele in Richtung der CD- und Levi´s-Läden. Die Vorstellung "Im Osten ist bestimmt alles billiger!" wurde leider schnell enttäuscht - die begehrten Objekte waren mindestens die gleiche Preislage wie bei uns. Dafür florierte an diesem Tag ein ganz anderer Markt überaus gut: Marlboro wird, ohne es zu wissen, einen Riesenumsatz gemacht haben bei all unseren kaufkräftigen Rauchern, denen die Schwarzhändler sehr willkommen waren. Wieder im Bus, mußte das Zeug natürlich schleunigst dissimiliert werden.
Als alle abmarschbereit im Bus saßen, ahnte ja noch keiner, daß nun der ungemütlichere Teil der Reise anbrechen würde. Kaum waren wir aus der Innenstadt Bratislavas heraus, hatten wir das Gefühl, auf viereckigen Rädern zu fahren - der Bus ratterte und stolperte mühsam die Straße entlang. Das wurde aus nun dich unheimlich, und zu allem Übel schickte Christian, nun nicht mehr ganz so flott, sich an, über die Brücke zu fahren, was vor allem bei den weiblichen Kursteilnehmerinnen allgemeine Hysterie hervorzurufen begann. Besonders phantasievolle sahen schon die Schlagzeilen: "Kursfahrt endete tragisch - beschädigter Bus fiel in Bratislava von der Brücke". Herrn Felberbauers und Frau Last-Wykas Beschwichtigungen konnten sie sich gegenseitig aufpeitschenden Gemüter nicht beruhigen. Als wenigstens die Brücke überquert war, holperte der Bus noch einige Meter auf der Straße, bis Christian nun doch einsah, daß er bei dieser Geschwindigkeit nicht weit fahren würde. Ende des Horrors: wir parkten am Straßenrand. Was nun? Ein Telefon und die Nummer eines Busverleihs und einer Werkstatt tat not. Doch da war noch das sprachliche Problem - wer von uns sprach schon slowakisch? Frau Last-Wyka wurde zur Retterin in der Not: mit ihren Polnischkenntnissen konnte sie weiterhelfen, so daß bald darauf etwas unternommen wurde. Aber nun hieß es erst einmal warten. Das taten wir. Am Straßenrand begannen sich Bierdosen zu stapeln, einige unermüdliche Optimisten stimmten ein paar Lieder an. Und noch eine Beschäftigung wurde gefunden: Einkaufen im slowakischen Supermarkt "Kika". Da unsere nächste Zukunft ja noch reichlich ungewiß war, legten sich die meisten Proviant an - für den Fall der Fälle. Im Laden hatten wir allerdings die Qual der Wahl zwischen 10635 Sorten Sprudel, 20000 Sorten Kekse, Kuchen und anderen Süßigkeiten, trockenem, seltsam anmutenden Brot, noch seltsameren Fleisch- und Wurstwaren, drei Bananen und zweieinhalb Weintrauben. Insgeheim schon gehegte Befürchtungen, wie etwa das Übernachten am Straßenrand sollten sich zum Glück doch nicht bewahrheiten: einige Stunden später war ein slowakischer Bus organisiert, der uns ohne weitere Zwischenfälle ins Kolpinghaus zurückfuhr. Sprücheklopfer Christian war nur leider doch stark in unserem Ansehen gesunken.

4. Tag
Unser letzter Tag war angebrochen, und den wollten wir möglichst noch auskosten. Das hieß: morgens um 10 Uhr standen wir in Schloß Schönbrunn auf der Matte. Leider nicht nur wir, sondern noch zehntausend andere Kulturlustige. So drehten wir unsere Runden in den Außenanlagen, dann im Schloß. Über den Rest des Tages durfte wieder frei verfügt werden, also löste sich der Deutsch-LK wieder in seine Bestandteile auf, um noch ungenügend erforschte Ecken wieder aufzusuchen, die letzten Fotos zu schießen, wichtige Einkäufe zu erledigen - kurz, Wien sollte bis auf die letzte Minute (laut Plan bis 18.30 Uhr) voll in Anspruch genommen werden. Brav, wie wir es nun einmal alle sind, trudelten wir auch recht pünktlich zum erwünschten Zeitpunkt ein, um dann planmäßig um 19 Uhr in Richtung Heimat zu fahren. Doch, wie hätte es auch anders kommen können? Hatte irgendjemand eventuell noch leise gehofft, Christian habe das Wort "Zuverlässigkeit" oder "Vertrauenswürdigkeit" inzwischen gelernt, so mußte auch diese Hoffnung leider begraben werden. Da der gute Mann aufgrund der Trubel des letzten Tages nur wenig geschlafen hatte, mußte die Pflicht, nur einen ausgeruhten Busfahrer ans Steuer zu lassen, unbedingt erfüllte werden, also schlief Christian erst einmal dreieinhalb Stunden. Mit gemischten Gefühlen nahmen wir diesen kleinen Aufschub hin. Bei der Gelegenheit wurden im Aufenthaltsraum des Kolpinghauses Picknicks abgehalten, Sachen gewechselt und verschwitzte Gesichter gewaschen. Doch alles Warten hat auch mal ein Ende, und so stiegen wir - mit doch etwas weicheren Knien als sonst ein - doch unsere Befürchtungen sollten sich nicht bestätigen. Die Atmosphäre wurde zunehmends entspannter, und nach zwölf langen Stunden konnten wir müde, aber glücklich wieder den heimatlichen Schulboden betreten.

(nc)


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