Abiturrede 1997
Thema: Die Lebens - oder vielmehr die Überlebensphilosophie einer Bildungsanstalt wie der unserigen.
Einleitung:
So manch einer, der dieser Institution unvorbereitet einen Besuch abstattet, wird von den Eindrücken völlig überrollt. Es könnte passieren, daß er dieses liebenswerte Gebäude, welches zu seinen Hauptöffnungszeiten mehr einem Bienenstock als einer traditionsreichen und mit gutem Ruf behafteten Bildungsanstalt ähnelt, mit völlig falschem Eindruck wieder verläßt.
Wenn man in einer Pause versucht, einen der altehrwürdigen Korridore zu durchqueren, könnte man meinen, Anarchie sei ausgebrochen und Chaos regiere diese Schule. Dieses ist jedoch nicht der Fall. Nach nunmehr neun Jahren in diesem Bildungszentrum ist unser Jahrgang jetzt in der Lage, die Funktionsweisen dieser Institution - mit all ihren führenden und ausführenden Kräften - zu durchschauen. Es ist uns also eine Ehre, Sie, die Sie noch Unwissende sind, über eben diese Funktionsweisen zu informieren. Deshalb beschäftigt sich die traditionelle Abschlußrede der Schüler und Schülerinnen in diesem Jahr mit der Lebens - oder der Überlebensphilosophie des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.
Da diese Schule eine perfekt funktionierende Einheit ist, deren perfekt funktionierende Untergruppen sich wiederum aus perfekt funktionierenden Individuen zusammensetzen, reicht ein philosophisches Modell nicht aus, um diese komplexe Arbeitsteilung zu erklären. Wir werden also mehrere der längst verblichenen, gelehrten Herren, deren Weisheiten uns einst im Unterricht nahegebracht wurden, bemühen müssen, um Ihnen zu zeigen, was das Leben dieser Schule ausmacht. Die Philosophie ist eine sehr abstrakte Wissenschaft, also hören Sie gut zu ! Und vor allem: Erwarten Sie nicht, daß wir zu einem Ergebnis kommen. Kämen wir zu einem Ergebnis, dann wäre es keine Philosophie mehr.
Da irgendwann einmal gesagt wurde: "Die letzten sollen die ersten sein.", beginnen wir mit den kleinsten Individuen an dieser Schule - den Fünftklässlern. An ihrem ersten Schultag mit der Größe der Gebäude, den vielen neuen Lehrern und Lehrerinnen und den Lehrmethoden ziemlich überfordert, fühlen sie sich "verurteilt, frei zu sein ". Die Verurteilung besteht darin, daß sie bis zum Ende der Pflichtschuljahre diese Anstalt besuchen müssen. Dieser Gedanke, so furchtbar und grausam er zunächst auch sein mag, verliert mit den Jahren an Schrecken. Es soll sogar Schüler geben, die so manche heimliche Träne weinen, wenn sie diese Hallen zum letzten Mal verlassen. Die meisten von uns halten dieses allerdings für ein Gerücht. Von wirklicher Freiheit kann bei den Fünftklässlern noch nicht die Rede sein. Ihre krampfhaften Versuche, sich im hierarchischen System der Schule ein wenig Freiheit zu erkämpfen, äußern sich darin, daß sie sich den älteren Schülern in den Weg stellen, wenn diese ihre Räume erreichen wollen, oder darin, den Getränkeautomaten im Aufenthaltsraum der Oberstufe zu belagern. Im Laufe der Entwicklung vom Fünftklässler zum Abiturienten gewinnt der Schüler immer mehr an Freiheit, und die Versuche, diese neugewonnene Freiheit zu demonstrieren, werden immer kreativer. Egal ob es sich um möglichst bunte Haare, verrückte Kleidung oder um möglichst ungewöhnlichen Schmuck an möglichst ungewöhnlichen Körperstellen handelt, um Freiheit und Individualismus zu repräsentieren, ist jedes Mittel recht. Die größten Freiheiten genießen die Oberstufenschüler. Sie haben nicht nur das Privileg, sich in den Pausenzeiten im Gebäude aufhalten zu dürfen, nein, sie dürfen sogar eventuelles Fernbleiben vom Unterricht selbst entschuldigen. Diese Freiheit wird in den ersten Monaten auch kräftig genutzt, doch je näher der Oberstufenschüler dem Abitur kommt, desto weniger wird von ihr Gebrauch gemacht.
Die SchülerGESELLSCHAFT der Unterstufe und der Mittelstufe ist eine Gesellschaft der Klassenkämpfe, doch sie spielt sich nicht, wie Karl Marx fälschlicherweise behauptete, zwischen Proletariern und Kapitalisten ab, sondern vielmehr zwischen den Klassen a und b, b und c ...usw. ... . Auch endet die Ära des Klassenkampfes nicht mit der Diktatur des Proletariats, sondern mit der Auflösung der Klassenverbände in der Oberstufe.
Doch wollen wir Karl Marx seine Unwissenheit verzeihen und unser Augenmerk auf eine andere Gruppe richten. Während der Fünftklässler zum Abiturienten heranwächst, stehen die Vertreter dieser Gruppe ihm zu Seite. Manchmal stehen sie auch hinter ihm, nämlich um ihm heftigst ins Gesäß zu treten - natürlich nur verbal -, ihm die Faulheit auszutreiben und um in ihm den Willen zu wecken, bestmögliche Leistung zu erbringen und nach dem Abitur zu streben. Diesen Willen zu wecken und ihn dann vor allem gegen den Willen aller zu allgemeinen Willen zu erheben, das ist allerdings eine schwere Aufgabe und erfordert ausgesprochen fähige Führungskräfte. Schon Platon forderte solche Geschöpfe als geistige Führer der Menschheit. Damals nannte man diese Mitglieder geistiger Eliten noch Philosophen. Der äußerst emotionale Ausdruck, mit dem diese Personen heute bedacht werden, lautet schlicht und ergreifend: Lehrkörper. An dieser Anstalt gibt es viele Lehrer, und es wäre sicherlich interessant jeden einzelnen näher zu beleuchten. Doch auch wenn nur die interessantesten Facetten und Charakterzüge Berücksichtigung fänden, so würde es mit Sicherheit mehrere Abende füllen. So viel Zeit haben wir nicht. Aus diesem Grund wollen wir uns nun mit der letzten der drei Gruppen befassen, aus der sich das Innenleben dieser Institution zusammensetzt. -Schüler - Lehrkörper - Sie fragen sich sicher: Wer bleibt da noch übrig ? Nun, es sind diejenigen, die Ordnung in dieses Chaos bringen. Jene zwei Damen, die in einem Raum sitzen, den die jüngeren unter den Schülern kaum zu betreten wagen und an dessen Tür nur ein Wort steht. Nur ein Wort, denn mehr bleibt kaum zu sagen: Sekretariat.
Von dort aus wachen die beiden über die Schüler- und Lehrerschaft und organisieren alles, was nur zu organisieren ist. Kein Name, keine Adresse, keine Telephonnummer, die diese zwei Frauen nicht kennen. Neuerdings ordnen sie sogar die Arbeitsmoral der Schüler. Seit die Entschuldingungszettel nur noch einzeln und persönlich an die Schüler ausgegeben werden, ist die Fehlstunden - Zahl einiger Leute merklich gesunken.
Doch dürfen wir bei alledem den Sisyphos des Freiherr - vom - Stein - Gymnasiums nicht vergessen. Genau wie Albert Camus` Held im "Versuch über das Absurde" den Stein immer wieder unter großer Mühe auf den Berg rollte, obwohl er genau wußte, daß dieser sofort wieder herabrollen würde, so sammelt auch er tagtäglich den Müll, räumt auf und sorgt dafür, daß Toiletten entstopft werden. Sisyphos trotzte mit seiner Unnachgiebigkeit den Göttern, um ihnen zu zeigen, daß ihre Strafe ihn nicht beugen kann. Der Hausmeister trotzt mit seinen Taten den Blagen, die die Toiletten verstopfen, und sein Lächeln, mit welchem er sie Tag für Tag straft, zeigt, daß auch sie ihn nicht beugen werden.
Das also sind die Menschen, die diese Schule zu mehr machen, als zu einem Gebäude aus längst vergangenen Tagen. Sie fragen sich jetzt sicher: Wie kann das funktionieren ? Wie können diese Menschen zusammen arbeiten und auch noch Erfolg haben ? (Und den haben sie, wie man an den hier versammelten Abiturienten sieht.)
Diese Frage haben wir uns auch gestellt, denn selbstverständlich gibt es Reibereien zwischen den einzelnen Gruppen, ja, es gibt sogar gruppeninterne Konflikte. Alles, vom Plagiat bis zur Unfähigkeit, wirft man sich vor und kommt doch gemeinsam zu den besten Ergebnissen. Wie kann das sein ? Wir haben uns bemüht, ein Modell der Lebensphilosophie, die es dieser Schule ermöglicht zu funktionieren, auszuarbeiten, um Ihnen eine möglichst wissenschaftliche Erklärung für dieses Paradoxon zu liefern, doch es ist uns leider nicht gelungen.
Doch damit Sie nicht denken, wir seien zu dumm, diese Schule zu durchschauen, und hätten darum unser Abitur nicht verdient, ziehen wir nun Carl Jaspers zu Rate, damit er die Ehre unserer Stufe rette. Dieser weise Philosoph fand einst heraus, daß der Mensch die Welt, in der er lebt, nie begreifen kann. Solange er nämlich ein Teil von ihr sei, könne er sie nicht objektiv erfassen. Wie können also wir, die wir ein Teil der Schule sind, diese in ihrer Ganzheit begreifen.
Doch es gibt Hoffnung ! Schließlich wird es in zehn Jahren ein Ehemaligentreffen geben. Wenn wir dann Abstand gewonnen haben und das Thema noch einmal zur Sprache kommt, dann sind wir vielleicht in der Lage, die Forschungen voranzutreiben. Um zu einem Ende zu kommen: Es ist noch nicht an der Zeit. Das Abitur ist (hoffentlich) nicht das Ende unserer geistigen Entwicklung. Deshalb besteht auch die Hoffnung, daß manche von uns in einigen Jahrzehnten noch Interesse an dieser Fragestellung finden und unsere Erkenntnistheorie doch noch vollendet wird. Wir halten Sie auf dem laufenden.
Vielen Dank!

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